Specology – Lektorat & Korrektorat: Letzter und allerletzter Schliff

Kurze Rede anlässlich der Präsentation der Arbeit „hinter den Kulissen“ an der Publikation Specology. Zu einer ästhetischen Forschung (erschienen 2023 bei adocs Hamburg) an der HAW Hamburg im Rahmen des Rundgangs am 16. Februar 2024.

Danke Alice Lagaay und dem Specology-Team für die Einladung, hier über etwas zu sprechen, das mal stillschweigend vorausgesetzt, mal bei Publikationen inzwischen ganz ausgelassen oder schlicht unterschätzt wird: das Lektorat als letzter Schliff und das Schlusskorrektorat als allerletzter Schliff. Dass dem so wenig Beachtung geschenkt wird, liegt nicht zuletzt daran, dass Lektorinnen und Korrektoren – in diesem Fall beides in einer Person – im stillen Kämmerlein, leise und hochkonzentriert arbeiten und als stille und bescheidene Handwerker des Worts schlicht nicht daran gewöhnt sind, sich vor Publikum zu präsentieren. Man sehe es mir also nach, wenn ich mich an diesem Blatt festhalte.

Mein Einblick hinter die Kulissen der letzten Schliffe am Specology-Publikationsprojekt wird, der knappen Zeit halber, nur in Stichpunkten erfolgen. Wem am Ende der Kopf ein wenig schwirrt, wird ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Verantwortung im Kleinen, in einem in vielen Augen banal erscheinenden Auftrag steckt. Vorneweg, und das ist eine entscheidende Voraussetzung: Als Externe bin ich die allererste projektfremde Leserin und daher unvoreingenommen, unaffiziert und nur auf das sich mir Darbietende konzentriert. – Nun zu den besonderen Herausforderungen dieses Projekts.

Erste Herausforderung

Ich bekomme einen großen Schwung unterschiedlichster Texte auf den Tisch, längere Essays, einzelne Zitate, Bildunterschriften, aber längst nicht den ganzen Textkorpus, sodass ich mir keinen Gesamtüberblick verschaffen kann, was es wiederum fast unmöglich macht, Kriterien zu entwickeln, anhand derer ich Vereinheitlichungen und stilistische Nachbesserungen vornehmen, ja Redundanzen erkennen kann. Ich brauche Rückendeckung, also mache ich einen Probelauf, gehe in die Texte und achte neben Satzzeichen, Orthografie- und Grammatikfehlern auf Denkunschärfen, sprachliche Ungeschicklichkeiten, Lesbarkeit und Verständlichkeit. Der Rücklauf dieser Probe gibt mir grünes Licht – ich kann in diesem Sinne weitermachen! Dies auch im Hinblick auf stark formalisierte Textteile wie die Fußnoten mit den Quellenangaben, für die ich in Anlehnung an den Stylesheet des Verlags eigene Formvorgaben entwickele, die ich mir von meiner Auftraggeberin absegnen lasse. Denn bei aller Spekulation soll es an dieser Stelle wissenschaftlich fundiert zugehen. Dazu gehört selbstverständlich, sämtliche Quellen nachzurecherchieren, ggf. zu korrigieren und zu vereinheitlichen.

Zweite Herausforderung

Der Auftrag zieht sich über einen langen Zeitraum hinweg. Also habe ich mich in der Zwischenzeit mit anderen Dingen beschäftigt. Doch wie bei einer Buchübersetzung auch wird bei einem Lektorat das Kurzzeitgedächtnis in höchstem Maße beansprucht: Ich muss alle inhaltlichen und formalen Spezifika stets parat haben. Da hilft als Stütze eine handschriftlich geführte und kontinuierlich ergänzte Liste mit allen Eigenarten und Besonderheiten, auf die ich auch nach längerer Zeit zurückgreifen kann.

Ein kurzes Wort nun zum Lektorat selbst

Aufgrund der Mannigfaltigkeit der Beiträge ist dieses vergleichsweise zurückhaltend geblieben. So wurde etwa die punktuelle Redundanz der Texte untereinander (die ja selbst über einen mehrjährigen Zeitraum entstanden) nicht lektoriert, zumal durch die Ringform des Werks der Charakter des Unabgeschlossenen und Werdens ausgedrückt und gefördert bzw. beansprucht wird.

Erste Regel für die Bearbeitung: Jeder Beitrag sollte in sich stimmig sein: verständlich auch für Nichteingeweihte, stringent in der Wortwahl und Argumentation, frei von ungewollten Unschärfen und treu im Ton.

Zweite Regel: Durch jeden Text schimmert die Persönlichkeit des Autors/der Autorin und auch ihre Haltung (zum Thema, zum Schreiben, zum potenziellen Adressaten), eventuell auch ihr Ehrgeiz und manchmal Eitelkeit – das Lektorat muss immer gesichtswahrend sein und die Eigenheiten und Vorlieben des Verfassers/der Verfasserin – sofern sie inhaltlich und stilistisch begründet sind – in die Bearbeitung einfließen lassen. Da geht es auch um Nuancen, Ungesagtes, Tonalität.

Nun zurück zum Ablauf. Herausforderung Nummer 3

Bis zuletzt weiß ich nicht, ob alle Teile der Publikation über meinen Schreibtisch gegangen sind. Außerdem habe ich die im Änderungsmodus lektorierten Dateien nicht wieder zu Gesicht bekommen, weiß also nicht, was die Autorinnen und Autoren von meinen Änderungsvorschlägen akzeptiert haben oder nicht, und an welchen Stellen sie vielleicht noch Änderungen vorgenommen haben, in die sich möglicherweise ein Fehler eingeschlichen hat. Damit kommt beim Schlusskorrektorat ein weiterer Schritt hinzu, der ursprünglich nicht vorgesehen war: die Zeile für Zeile für Zeile vergleichende Lektüre zwischen lektoriertem Manuskript und Umbruch. Da braucht man einen großen freien Schreibtisch: links Manuskript (ich arbeite immer noch auf Papier), rechts Ausdruck des Umbruchs. Die Zeilen werden einzeln angeschaut, der Rest ist mit weißem Papier verdeckt, damit das Auge nicht abgelenkt wird. Und ja, tatsächlich, ein paar Fehler haben sich eingeschlichen.

Durch diesen Vergleich weiß ich jetzt aber auch, was ich alles noch nie gesehen habe: einzelne Texte, unzählige Querverweise sowie die Stichworte, Inhaltsangaben, Viten und Impressen der einzelnen Kapitel oder „Bücher“, wie dies hier betont wurde.

Jetzt wird es richtig bunt, denn zunächst müssen die neuen Teile alle lektoriert, sämtliche Stichworte untereinander gegengecheckt und alle Querverweise geprüft werden. Dazu kommt das eigentliche Schlusskorrektorat: Prüfung der Trennungen, sämtlicher Abstände zwischen Überschriften und Textkorpus, der Paginierung und des richtigen Stands der Seitenangaben, der Kolumnentitel am Seitenfuß und noch einiges mehr, das ich inzwischen vergessen habe. Ein Anachronismus hier: Die Korrekturen wurden alle auf Papier gemacht und das Manuskript per pedes zur Grafikerin getragen. Ich brauche nicht zu betonen, dass es noch etliche Rücksprachen gegeben hat, letzte Entscheidungen zu Form- und Vereinheitlichungsfragen und mehrere Rückläufe, da ich bis zum Schluss die korrekte Ausführung sämtlicher Korrekturen geprüft habe.

Monate später: das Ergebnis. Ein fröhliches Werk. Ein Kaleidoskop von Projekten, Motivationen, Inhalten, Stilen, Materialien, das einem Spielfeld Wort und Gestalt redet, das Vielfalt und Öffnung – auch die eigene – gegen Verengung, Verhärtung, Vermeidung setzt, die jüngst manchen Intellektuellen erfasst zu haben scheinen. Da wird über die drei bis fünf Fehler, die eine aufmerksame Leserschaft zweifelsfrei finden wird, hoffentlich wohlwollend hinweggesehen. Übrigens liegt das Werk gut sichtbar und einladend im Schaufenster meines Berliner Büros. Danke für das vergleichsweise angemessene Honorar und diese Bereicherung!